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Jonathon Porritt: Können Großunternehmen zur positiven Kraft werden?

14th September 2017

Über den Autor: Jonathon Porritt ist Mitgründer des Forum for the Future. Das 1996 gegründete Forum ist heute Großbritanniens führende gemeinnützige Organisation für Nachhaltigkeitsentwicklung. Porritt ist in Großbritannien ein angesehener Nachhaltigkeitsexperte. Weitere Informationen zum Autor am Ende des Artikels.

Wenn vor zwanzig Jahren das Konzept von Wirtschaftsunternehmen als „positive Kraft“ diskutiert wurde, verbarg sich dahinter offen gesagt meist nur eine etwas bessere Unternehmensphilanthropie. Mit der Zeit gewann der Business Case für Nachhaltigkeit jedoch an Boden, und heute ist er für viele Unternehmen mehr als nur eine Marketingstrategie. Aber ist das genug? Nein.

Die Bausteine dieses Modells sind hinlänglich bekannt: Strategien, die von einem aktionärsfreundlichen ‚Business-Case-Grundgedanken‘ geleitet sind (und nicht von Werten) und die auf den standardmäßigen Unternehmensmaßnahmen für den Nachhaltigkeitsbereich basieren: Umwelt, Gesellschaft und Unternehmensführung. Ein starker Schwerpunkt auf CO², Wasser und Abfall, aber weitaus weniger Augenmerk auf Biodiversität. Traditionelles Abwägen von Risikomanagement (einschließlich Reputationsrisiko) und Geschäftswachstum. Ein breiter Konsens darüber, dass man den offiziellen Vorschriften einen Schritt voraus sein sollte (aber nur knapp) und große Investitionen in die zahlenmäßige Auswertung. Denn ohne Messungen gibt es keine Berichte.

In jüngster Zeit gewann die gesellschaftliche Komponente an Bedeutung. Menschenrechte und Probleme rund um eine lebenskostendeckende Entlohnung rücken zunehmend in den Fokus. Ich stelle eine wachsende Begeisterung für Kollaborationen fest, innerhalb von Bereichen und übergreifend, und manche Beobachter zeigen auf, dass die Stimme der Wirtschaft auf globalen Konferenzen und in der Politikgestaltung zunehmend an Einfluss gewinnt.

Aber ist das ein Modell der Unternehmensnachhaltigkeit, das seinem Zweck gerecht wird? Nein.

Es hat Fehler. Erstens bewegt es sich innerhalb des vorherrschenden politischen und wirtschaftlichen Rahmens und lässt Unternehmen Spielraum. Zweitens gibt es klare Grenzen vor, über die hinaus sich die Wirtschaft lieber nicht bewegt oder sich dagegen äußert. Das sind Dinge wie die Oberhoheit der Anteilseigner und die ach-so-praktische Unantastbarkeit derer gesellschafterlichen Pflichten.

Es ist, als ob Globalisierung ‚eine gute und notwendige Sache’ für alle wäre, obwohl sie das offensichtlich nicht ist. Besonders für diejenigen nicht, die von krassem Outsourcing oder skrupellosen Steuerschlupflöchern betroffen sind. Entwicklungsländer werden ihrer legitimen Steuereinkünfte beraubt. Arbeiter finden sich mit niedrigen Löhnen ab, da den Großkonzernen vorgeblich ‚die Hände gebunden sind‘, durch die internationale Wettbewerbsfähigkeit – die gleiche internationale Wettbewerbsfähigkeit, die Vergütungsausschüssen freie Hand dabei lässt, Managerlöhne ohne Rücksicht auf tatsächlich erbrachte Leistungen immer weiter zu erhöhen.

Aber es gibt auch Licht am Horizont. Forum for the Future beobachtet diese Dinge seit mehr als 20 Jahren. Zu beobachten, wie führende weltweite Unternehmen sich langsam immer weiter verbessert haben, um einer Vielzahl konvergierender Nachhaltigkeits-Herausforderungen zu begegnen, war ein erstaunliches Privileg. Und ganz oben auf unserer ‚Ehrenliste‘ steht Unilever, ein Konzern, mit dem wir seit 1997 arbeiten.

Fast definitionsgemäß wurde das Unternehmen mit seiner globalen Reichweite zum führenden Verfechter der einfachen und inspirierenden Idee, dass viele sehr kleine, individuelle Aktionen sich zu einer sehr großen, kollektiven Wirkung summieren können.

Dieses klare Prinzip ist das Herz von Unilevers Sustainable Living Plan – zweifelsohne die umfassendste und weitreichendste Nachhaltigkeitsstrategie ihrer Art. Heute wertet Unilever aus, wie weit das Unternehmen bezüglich der vielen, vielen Ziele, die 2010 gesteckt wurden noch kommen wird und verfügt über eine beeindruckende Historie über die Reduktion seines CO2-Fußabdruck. Gleichzeitig beginnt es, bedeutende Durchschlagskraft im großflächigen gesellschaftlichen und ökologischen Wandel zu entwickeln.

Diese Unilever Benchmark hat bereits viele andere Unternehmen, einschließlich seine direkten Konkurrenten, inspiriert, ihre eigenen Anstrengungen zu erhöhen. Im Bereich Palmöl hat Unilever als weltweit größter Einkäufer geholfen, starke Argumente für zertifiziertes, nachhaltiges Palmöl zu liefern und ist führend darin, gute Erfolge für einen kompletten Stopp der Flächenrodung in allen Belieferungsketten zu erzielen. Das Unternehmen ist natürlich nicht perfekt und ist dabei in den Augen vieler seiner Kritiker viel zu langsam und vorsichtig vorgegangen, doch sind dies keine leicht zu bewältigenden Herausforderungen.

In einem Bereich wird Unilever jedoch mit ziemlicher Sicherheit eine Niederlage eingestehen müssen: Bei seinen fast verrückt ehrgeizigen Zielen, den ökologischen Fußabdruck der Menschen mit reduzieren zu wollen, die Unilever-Produkte benutzen. Diese CO2-und Wasserverbrauchs-Ziele wird der Konzern mit deutlichem Abstand verfehlen.

Doch um eines klarzustellen: Kein anderes Unternehmen hat sich bislang auf den Weg gemacht, das Verhalten seiner Kunden so direkt zu beeinflussen. Dies zeigt uns etwas sehr Wichtiges in Bezug darauf, wo wir momentan im Hinblick auf eine fortschreitend nachhaltigere Weltwirtschaft stehen. Unternehmen müssen sich von ‘weniger Schlechtes tun‘ hin zu schneller ‚echt netto positiv‘ werden bewegen. Diese Leistung wird jedoch ohne eine noch viel grundlegendere Umgestaltung des Verbraucherverhaltens immer gedeckelt bleiben.

Wird Pukka also in Unilevers Händen sicher sein? Niemand von uns kennt die Antwort auf diese ausschlaggebende Frage wirklich, doch alles, was ich sicher weiß ist, dass kein anderes global agierendes FMCG-Unternehmen diesen Anspruch auch nur annähernd geltend machen könnte. Das liegt nicht allein an der Akquisition von Ben and Jerry, die ich intensiv verfolgte und enthusiastisch feierte: Eine wunderbare Liaison zwischen Unilever (die konventionelle AG überhaupt) und Ben and Jerry (ein beinahe unsicherer, unkonventioneller Disruptor!).

Angesicht der von beiden Parteien öffentlich gemachten, wasserfesten Zusagen, scheint das erwartete Wachstum zukünftig nur Vorteile zu bringen. Pukka wird weiterhin 100 Prozent bio bleiben, wird durch Fair For Life soziale Standards verbessern, wird sich mit FairWild für die nachhaltige Sammlung von Kräutern einsetzen, wird sich weiter dazu verpflichten, 1% des Umsatzes über 1% For The Planet an gemeinnützige Umweltprojekte zu spenden und wird ein aktives Mitglied von B-Corporation bleiben. Indem sie Vorreiter darin sind, als Unternehmen eine positive Kraft zu sein, können kleine Unternehmen großen Unternehmen helfen, den so dringend benötigten Wandel schneller zu schaffen.

Damit dieses Ziel Erfolg hat, ist es ausschlaggebend, dass Unilever auch weiter für seine Sache kämpft: langfristige Werte zu schaffen anstatt kurzfristig Profite zu maximieren. Seine Investoren unterstützen diese hochwichtige Idee seit einiger Zeit immer mehr. Als Kraft Heinz im Februar sein Übernahmeangebot aussprach, überlief die Nachhaltigkeitsgemeinschaft ein Schauder des Schreckens. Glücklicherweise überzeugte der Vorstand von Unilever genug Investoren, dass das feindliche Angebot kein gutes langfristiges Geschäft darstellte, so inflationär das Angebot auch erschien.

Kraft zog sich zurück. Dieser intensive Schock hallte jedoch im ganzen Unternehmen nach. Und hatte eine gute Wirkung. Paul Polmans Zusage, höhere Gewinnmargen für alle Aktionäre zu erzielen hätte sich nur allzu leicht auf die Nachhaltigkeitsambitionen des Unternehmens auswirken können, doch ist es, im Gegenteil, dadurch noch entschlossener geworden.

Wie Polman bereits früher sagte: „Wir wollen unsere Größe, unseren Einfluss und unsere Ressourcen dafür einsetzen, bei wirklich wichtigen Problemen einen Unterschied zu machen – wie, die Rolle der Frau zu stärken, nachhaltige Landwirtschaft zum Standard zu machen, den Zugang zu sauberem Wasser und Sanitärversorgung zu verbessern und der Abholzung ein Ende zu setzen. Wir wollen zu einem ‚transformativen Wandel‘ beitragen – nicht nur zu stufenweisen Verbesserungen, sondern zu fundamentalem Wandel bei ganzen Systemen.“

Polman plädiert für ein anderes Modell des Kapitalismus, ist sich aber voll und ganz aller Zwänge und ideologischer Absurditäten bewusst, die Unilevers Hoffnungen und Ambitionen so schmerzhaft begrenzen. Unilever ist nicht perfekt – weit davon -, doch das Unternehmen bahnt einen Weg. Die Anhänger der Dinge, die Pukka einer nachhaltigeren Welt zu bieten hat (echt nachhaltig!) sollten Hoffnung haben. Unilevers Vision führt den grundlegenden Wandel an, der stattfinden muss, nicht nur für eine nachhaltige Wirtschaft, sondern auch für eine nachhaltige Zukunft.

Jonathon Porritt, Mitgründer des Forum for the Future und Experte für nachhaltige Entwicklung

Jonathon Porritt, Mitgründer des Forum for the Future, ist ein angesehener Autor, Radiojournalist und Kommentator zum Thema nachhaltige Entwicklung. Das 1996 gegründete Forum for the Future ist heute Großbritanniens führende gemeinnützige Organisation für Nachhaltigkeitsentwicklung. Es verstärkt derzeit seine Präsenz in den USA, Indien, Hong Kong, Singapur und Malaysia. Zusätzlich ist Porritt Aufsichtsratsmitglied der Willmott Dixon Holdings, ein Treuhänder von Ashden, sowie Geschäftsführer von Collectively (eine Online-Plattform für nachhaltige Innovationen). Porritt war Geschäftsführer von Friends of the Earth sowie Co-Vorsitzender der britischen Green Party. Als Vorsitzender der UK Sustainable Development Commission beriet Porritt als Experte neun Jahre lang Regierungsminister. Im Februar 2012 wurde Jonathon als Kanzler an die Keele University, in Staffordshere, England berufen. Dazu hat er Gastprofessuren an der Loughborough University und am University College London (UCL) inne. Sein neuestes Buch ist ‚The World We Made’ (2013), in dem er versucht, seine Leser für die Aussichten einer nachhaltigen Welt im Jahre 2050 zu begeistern. 2007 erschien sein Buch ‚Capitalism As If The World Matters’ (2007). Im Januar 2000 wurde Jonathon der Britische Ritterorden verliehen, für seine Dienste für den Umweltschutz.

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